Pareto unchained

Schleswig-Holstein verlässt Microsoft: Was der Umstieg beweist

30.000 Arbeitsplätze, 40.000 Postfächer, über 100 Millionen E-Mails – und mehr als 15 Millionen Euro Ersparnis im Jahr. Ein Bundesland zeigt gerade, dass der Ausstieg aus Microsoft im großen Maßstab funktioniert. Was daraus für deinen eigenen Rechner folgt und wo der Umstieg ehrlicherweise wehtut.

Bitcoinlighthouse

September 02, 2026 · 10 min read

Fast alle Nachrichten zum Thema Privatsphäre laufen in dieselbe Richtung: mehr Befugnisse, mehr Sensorik, mehr Pflichten. Diese hier läuft in die andere.

Schleswig-Holstein hat rund 30.000 Verwaltungsarbeitsplätze aus der Microsoft-Welt herausgelöst. Nicht als Absichtserklärung, nicht als Pilotprojekt, sondern im laufenden Betrieb – mit Aktenzeichen, Personalräten, Fachverfahren und allem, was eine Verwaltung sonst noch langsam macht. Rund 80 Prozent der Arbeitsplätze nutzen inzwischen LibreOffice, die Mail-Migration ist durch, und die Ersparnis liegt bei über 15 Millionen Euro im Jahr.

Der Grund, warum das hier steht, ist nicht Landespolitik. Es ist die Beweisführung: Wenn ein Bundesland das mit 30.000 Rechnern schafft, ist die Ausrede „das geht doch nicht" für einen einzelnen Laptop endgültig verbraucht.

Kurzfassung:

Schleswig-Holstein stellt seine Verwaltung auf freie Software um: rund 30.000 Arbeitsplätze, davon etwa 80 % bereits auf LibreOffice. Die Migration von Exchange und Outlook auf Open-Xchange und Thunderbird ist seit dem 2. Oktober 2025 abgeschlossen – über 40.000 Postfächer mit mehr als 100 Millionen E-Mails und Kalendereinträgen, umgestellt in einem halben Jahr. Nextcloud ersetzt SharePoint schrittweise, OpenTalk die Videokonferenzen. Die Ersparnis: über 15 Millionen Euro Lizenzkosten pro Jahr; zusätzlich fließen rund 6 Millionen Euro in 31 Open-Source-Projekte. Treiber ist Digitalisierungsminister Dirk Schrödter, das erklärte Ziel digitale Souveränität. Der Umstieg läuft seit 2023 schrittweise – mit Pilotprojekten, Schulungen und einer Windows-11-Zwischenlösung, weil der Support für Windows 10 vorher endete.

Was tatsächlich passiert ist#

Am beeindruckendsten ist nicht die Zahl der Rechner, sondern die Mail-Migration. Ein Exchange-System mit 40.000 Postfächern abzulösen, ist die Sorte Projekt, an der IT-Abteilungen in Konzernen scheitern – die Datenmenge ist gewaltig, die Formate sind eigenwillig, und jede Terminserie, die dabei kaputtgeht, landet als Beschwerde auf einem Schreibtisch.

Es hat trotzdem funktioniert. Über 100 Millionen E-Mails und Kalendereinträge sind übertragen, und die Verwaltung arbeitet weiter.

  • seit 2023 · Grundsatzentscheidung für Open Source – Das Land beschließt den Weg zur digitalen Souveränität: raus aus proprietären Abhängigkeiten, rein in quelloffene Software – mit ausdrücklichem Vorbildanspruch für andere Länder und Kommunen.
  • 2024 · LibreOffice wird Standard – Der Rollout beginnt. Statt eines Stichtags gibt es Pilotbereiche, Schulungen und internen Entwicklungssupport – der Umstieg wird als Prozess organisiert, nicht als Nacht-und-Nebel-Aktion.
  • 2025 · Windows 10 endet – ein Zwischenschritt – Weil der Support für Windows 10 im Oktober 2025 ausläuft und die Linux-Migration bis dahin nicht fertig ist, kauft das Land Windows-11-Lizenzen als Brücke – der Ausstieg kostet also erst einmal zusätzlich. Wer zwanzig Jahre in einer Abhängigkeit steckt, kommt nicht in einem Quartal heraus.
  • 2026 · Mail-Migration abgeschlossen – Über 40.000 Postfächer wechseln von Exchange und Outlook zu Open-Xchange und Thunderbird – nach Angaben des Landes ein bundesweit einmaliges Projekt. Rund 80 Prozent der Arbeitsplätze nutzen LibreOffice.
  • laufend · Nextcloud und OpenTalk – SharePoint wird schrittweise durch Nextcloud ersetzt, Videokonferenzen laufen über OpenTalk. Parallel fördert das Land mit rund sechs Millionen Euro 31 Open-Source-Projekte.

Warum das mehr ist als eine Sparmaßnahme#

15 Millionen Euro im Jahr sind ein gutes Argument, aber nicht das eigentliche. Lizenzkosten lassen sich verhandeln; Abhängigkeit nicht.

Der Punkt ist ein anderer: Eine Verwaltung, deren Textverarbeitung, Postfächer und Dateiablage bei einem einzigen ausländischen Konzern liegen, kann ihre eigenen Regeln nicht mehr durchsetzen. Sie kann Datenschutz vorschreiben und bekommt Telemetrie. Sie kann Formatstandards fordern und bekommt Dateiformate, die sich alle paar Jahre ändern. Und sie kann jederzeit einen Preisaufschlag oder ein Lizenzmodell bekommen, gegen das es kein Argument gibt außer Aussteigen – was genau dann nicht geht, wenn man es am nötigsten hätte.

Genau dieses Muster kennst du aus der Bitcoin-Welt. Ein Guthaben bei einer Börse ist bequem, solange nichts passiert, und wertlos in dem Moment, in dem der Anbieter anders entscheidet als du. Die Antwort heißt dort Selbstverwahrung. Bei Software heißt sie Open Source.

Der Unterschied zur Cloud-Debatte:

Bei „souveränen Clouds" geht es um Verträge: Wer darf zugreifen, unter welchen Bedingungen, mit welcher Aufsicht. Bei quelloffener Software ist die Frage anders gestellt – der Quelltext liegt offen, jeder kann ihn prüfen, betreiben und weitergeben. Das ist keine Zusage, sondern eine Eigenschaft. Und Eigenschaften ändern sich nicht mit dem nächsten Regierungswechsel.

Ein Missverständnis sollte man dabei nicht mitnehmen: Das ist kein Beleg dafür, dass der Staat auf deiner Seite steht. Dieselbe Republik, in der ein Bundesland gerade sein Exchange-System abschaltet, führt an anderer Stelle biometrische Echtzeiterkennung im öffentlichen Raum ein. Eine Verwaltung, die auf freie Software umsteigt, wird dadurch nicht zurückhaltender – sie wird unabhängiger von einem Konzern. Das ist ein Unterschied, und er ist wichtig.

Interessant an Schleswig-Holstein ist deshalb nicht die Absicht, sondern der Beweis. Und der gehört dir genauso wie dem Land.

Was daraus für deinen Rechner folgt#

Der entscheidende Satz für dich lautet: Dein Umstieg ist einfacher als ihrer. Deutlich einfacher.

Eine Verwaltung muss Fachverfahren aus den Neunzigern mitschleppen, Signaturkarten, Drucker-Infrastruktur, Personalvertretung, Ausschreibungsrecht und Tausende Menschen gleichzeitig schulen. Du hast einen Rechner, ein paar Programme und dich selbst. Was in Kiel Jahre dauert, ist bei dir ein Wochenende – und du kannst es zuerst ausprobieren, ohne etwas zu löschen.

  • Was sofort funktioniert – Browser, E-Mail, Office, Fotos, Videokonferenzen, Musik, Drucken, Scannen. Für den Alltag der allermeisten Menschen ist ein aktuelles Linux seit Jahren unauffällig – und auf älterer Hardware spürbar schneller als das System, das darauf ausgeliefert wurde.
  • Was Vorbereitung braucht – Spezialsoftware ohne Linux-Version, manche Steuerprogramme, professionelle Adobe-Anwendungen, einzelne Spiele mit Anti-Cheat-Systemen und exotische Peripherie. Das prüft man vorher – nicht nachher.
  • Was besser wird – Keine Telemetrie, keine Werbung im Startmenü, keine erzwungenen Neustarts, keine Kontopflicht. Updates, die du entscheidest. Und ein System, das auch auf einem zehn Jahre alten Laptop noch Sicherheitsaktualisierungen bekommt.

Was das mit Bitcoin zu tun hat#

Wer Bitcoin ernsthaft selbst verwahrt, betreibt früher oder später Software, bei der es darauf ankommt: eine Wallet auf dem Desktop, eine eigene Node, vielleicht ein Multisig-Setup. Für all das ist das Betriebssystem darunter kein Detail, sondern die Vertrauensbasis.

Ein System, das Telemetrie sendet, Screenshots für Suchfunktionen anfertigt und Dateien automatisch in eine Herstellercloud synchronisiert, ist der falsche Ort für die Software, die deine Schlüssel verwaltet. Nicht, weil dort jemand gezielt hinter deinen Coins her wäre, sondern weil eine Wallet-Oberfläche für einen Screenshot aussieht wie jede andere Anwendung – und weil du nicht nachvollziehen kannst, was ein geschlossenes System mitschneidet.

Dazu kommt die Prüfbarkeit: Bei quelloffener Software kannst du – oder jemand, dem du vertraust – nachvollziehen, was das Programm tut. Bei Bitcoin ist genau das der Kern des Ganzen. Don't trust, verify endet nicht bei der Wallet; es fängt beim Betriebssystem an.

So gehst du es an#

1. Zuerst die Programme umstellen, nicht das System

Installiere LibreOffice, Thunderbird und Firefox auf deinem jetzigen Rechner und arbeite ein paar Wochen damit. Damit ist der größte Teil der Umgewöhnung erledigt, bevor überhaupt ein Betriebssystem angefasst wird – genau die Reihenfolge, die Schleswig-Holstein gewählt hat.

2. Live-USB: ausprobieren, ohne etwas zu ändern

Ein Linux-Stick startet den Rechner in ein vollständiges System, ohne die Festplatte anzurühren. In zwanzig Minuten weißt du, ob WLAN, Grafik, Drucker und Touchpad funktionieren. Fällt der Test negativ aus, hast du nichts verloren außer dem Nachmittag.

3. Dual-Boot als Brücke

Du musst dich nicht sofort entscheiden. Eine Parallelinstallation neben Windows lässt dich beim Start wählen – und in der Praxis merken die meisten nach ein paar Wochen, dass sie das andere System kaum noch starten. Genau so wird aus einem Versuch ein Umstieg, ohne Bruch.

4. Die Daten zuerst befreien

Bevor das System wechselt, wandern die Daten aus proprietären Formaten und fremden Clouds: Dokumente als ODF oder PDF, Fotos lokal, Kontakte und Kalender auf die eigene Nextcloud. Das ist die Arbeit, die den Umstieg leicht macht – und sie lohnt sich selbst dann, wenn du bei Windows bleibst.

5. Alte Hardware ist der beste Einstieg

Der Laptop, der für das nächste Windows zu schwach ist, ist unter Linux oft ein flottes Gerät. Damit hast du eine Testmaschine ohne Risiko – und bei Erfolg gleich einen Rechner, auf dem Wallet und Node laufen können, ohne dass dein Alltagsgerät sie mitschleppt.

6. Nicht allein anfangen

Der häufigste Grund für gescheiterte Umstiege ist nicht die Technik, sondern die erste Hürde: ein Treiber, eine Partition, ein Programm ohne Entsprechung. Zu zweit oder in einer Gruppe ist das in Minuten geklärt – und danach läuft es allein. Genau dafür machen wir den Linux-Workshop in München.

Warum diese Nachricht wichtiger ist als die meisten#

Die Debatte über digitale Selbstbestimmung leidet daran, dass sie fast nur aus Warnungen besteht. Chatkontrolle, Vorratsdatenspeicherung, Funksensorik, Kamerabrillen – berechtigte Themen, aber sie hinterlassen ein Gefühl von Unausweichlichkeit. Und Ohnmacht führt nicht zu besseren Entscheidungen, sondern zu keinen.

Schleswig-Holstein liefert das Gegenstück: Es geht doch. Nicht als Nischenlösung für Technikbegeisterte, sondern in einer Verwaltung mit 30.000 Menschen, von denen die allermeisten sich für Software nicht im Geringsten interessieren.

Das ist auch die Antwort auf den häufigsten Einwand gegen selbstbestimmte Technik: dass man dafür sein halbes Leben umbauen müsse. Muss man nicht. Man tauscht ein Programm, dann ein zweites, dann irgendwann das System darunter – und stellt am Ende fest, dass der Rechner einem gehört. Bei Bitcoin ist dieser Weg vielen vertraut: erst ein bisschen, dann selbst verwahrt, dann die eigene Node. Bei Software funktioniert er genauso.

Häufige Fragen#

Ist Schleswig-Holstein damit komplett Microsoft-frei?

Nein, und das ist die ehrliche Antwort. Die Office- und Mail-Ebene ist weitgehend umgestellt, Nextcloud löst SharePoint schrittweise ab, aber der vollständige Betriebssystemwechsel läuft noch. Als Windows 10 auslief, hat das Land Windows-11-Lizenzen als Brücke gekauft – der Umstieg ist ein Prozess, keine Stichtagsaktion.

Welche Linux-Distribution ist für Einsteiger geeignet?

Für den Anfang eignen sich Systeme mit großer Nutzerbasis und langem Supportzeitraum, etwa Ubuntu oder Linux Mint. Wichtiger als die Distribution ist, dass du eine wählst, für die es viele Anleitungen gibt – dann findest du zu jedem Problem eine Lösung in deiner Sprache.

Kann ich Microsoft Office weiterbenutzen?

Die Webversion läuft im Browser. Lokal installiert nicht – dafür gibt es LibreOffice, das die gängigen Formate liest und schreibt. Bei komplexen Excel-Dateien mit Makros gibt es Reibung; das ist der Punkt, an dem man vorher testet statt hinterher zu fluchen.

Laufen Bitcoin-Wallets unter Linux?

Ja, in der Regel besser als anderswo. Sparrow, Electrum, Bitcoin Core und die Anbindung an eine eigene Node sind unter Linux zu Hause; Hardware Wallets werden unterstützt. Viele Anleitungen sind sogar primär für Linux geschrieben.

Was mache ich mit Spielen?

Vieles läuft inzwischen über Kompatibilitätsschichten wie Proton erstaunlich gut. Die Ausnahme sind Online-Spiele mit Anti-Cheat-Systemen, die tief ins System eingreifen – die bleiben ein Grund für Dual-Boot. Das ist keine Niederlage, sondern Arbeitsteilung.

Lohnt sich der Umstieg auf einem alten Laptop?

Besonders dort. Ein Gerät, das für aktuelle Windows-Versionen zu schwach ist oder keine Updates mehr bekommt, läuft unter einem schlanken Linux flüssig und erhält weiterhin Sicherheitsaktualisierungen. Aus Elektroschrott wird so ein Zweitrechner – oder eine Node.

Ein Rechner, der dir gehört Im Linux-Workshop installieren wir gemeinsam auf deinem eigenen Gerät: Live-Test, Datensicherung, Installation, Grundeinstellungen – und die ehrliche Einschätzung, was bei dir funktioniert und was nicht.

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Quellen: Schleswig-Holstein: Open Source und digitale Souveränität · Schleswig-Holstein: Mailsystem der Landesverwaltung komplett auf Open Source umgestellt · heise online: 30.000 IT-Plätze – Schleswig-Holsteins Regierung beginnt Umstieg auf LibreOffice · LinuxNews.de: Schleswig-Holstein auf dem Weg zur digitalen Souveränität · Borns IT-Blog: Schon 80 % der Arbeitsplätze auf LibreOffice umgestellt · ProVideo Coalition: Schleswig-Holstein will save €15 million in 2026


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