Bitcoin erobert die Wall Street – und was wird aus der ursprünglichen Idee?

Bei Bitcoin ging es einmal vor allem darum, Geld ohne Banken zu verschicken. Heute dreht sich vieles um ETFs und große Anleger. Das macht den Einstieg einfacher, wirft aber eine Frage auf: Wie unabhängig bleibt Bitcoin, wenn Finanzunternehmen die Verwahrung übernehmen?

Mit Bitcoin einen Kaffee bezahlen oder Geld direkt an jemanden schicken – solche Anwendungen standen lange im Mittelpunkt. Heute lautet die Frage häufig: Wie viel Geld ist in Bitcoin-ETFs geflossen, und was bedeutet das für den Kurs?

Ein Bitcoin-ETF ist ein Anlageprodukt, das sich über ein Wertpapierdepot kaufen lässt. Anleger können damit an der Preisentwicklung von Bitcoin teilnehmen, ohne selbst eine Bitcoin-Wallet einzurichten. Das ist bequem. Allerdings besitzen sie dabei Fondsanteile und können die dahinterliegenden Bitcoin nicht wie Guthaben in einer eigenen Wallet ausgeben.

Dieser einfache Zugang verändert die öffentliche Debatte. Große Geldbewegungen lassen sich leichter in Schlagzeilen verwandeln als der Alltag eines Geschäfts, das Bitcoin als Zahlungsmittel akzeptiert. Zuflüsse ergeben eine Zahl, eine Grafik und eine Geschichte über den Kurs.

Wie stark sich die Aufmerksamkeit verschoben haben soll, zeigt eine Auswertung des Dienstes Perception, der die Berichterstattung über Bitcoin untersucht. Demnach handelten 2015 noch 38 von 1.000 Bitcoin-Schlagzeilen vom Bezahlen mit Bitcoin. Zwischen Januar und September 2026 seien es nur noch drei gewesen. Über ETFs sei 31-mal so häufig berichtet worden wie über Zahlungen. Diese Zahlen sind nicht unabhängig bestätigt.

Auch die genannten Summen zeigen, welche Rolle die Finanzwelt inzwischen spielt: US-Bitcoin-ETFs sollen seit ihrem Start im Januar 2024 ein Handelsvolumen von fast zwei Billionen US-Dollar erreicht haben. Für das Unternehmen Strategy wird ein Bestand von rund 850.000 Bitcoin genannt. Die ETFs zusammen sollen noch mehr halten. Auch diese Angaben sind nicht unabhängig bestätigt. Dabei gilt: Handelsvolumen ist nicht dasselbe wie neu angelegtes Geld, denn ein Fondsanteil kann mehrfach gekauft und verkauft werden.

Hat die Wall Street Bitcoin damit bereits übernommen? So einfach ist es nicht. Nach einer dem Analyseunternehmen Galaxy Research zugeschriebenen Auswertung lassen sich rund 11,1 Millionen Bitcoin – etwa 55 Prozent des Bestands – keinem bekannten Eigentümer zuordnen. Die Zahl ist hier nicht unabhängig überprüft. Außerdem bedeutet „unbekannt“ nicht automatisch, dass Privatpersonen diese Bitcoin selbst verwahren. Dazu können auch verlorene Bitcoin oder bislang nicht zugeordnete Bestände von Unternehmen gehören.

Neben der Bequemlichkeit spielt die Sicherheit eine wichtige Rolle. Wer Bitcoin selbst verwahrt, trägt die Verantwortung für seine Zugangsschlüssel. Fehler bei der Sicherung oder Schwachstellen in Geräten können schwerwiegende Folgen haben.

Das Analyseunternehmen TRM Labs berichtet beispielsweise über einen Fehler bei der Schlüsselerzeugung von Coldcard-Hardware-Wallets. Dabei sollen rund 1.816 Bitcoin aus mehr als 5.200 Bitcoin-Adressen gestohlen worden sein. Die weitergehende Behauptung, Tausende Menschen hätten ihre gesamten Ersparnisse verloren, ist dadurch jedoch nicht belegt. Eine Person kann mehrere Adressen besitzen. Analyse von TRM Labs

Auch Ledger hat über manipulierte Geräte berichtet, die über einen Händler in Südostasien verkauft wurden. Die Behauptung, Dutzende bis Hunderte Geräte seien betroffen gewesen, bleibt hier unbestätigt. Solche Fälle können dennoch das Vertrauen in die eigene Verwahrung erschüttern und professionell verwahrte Anlageprodukte attraktiver erscheinen lassen. Stellungnahme von Ledger

Hinzu kommt eine bislang nicht unabhängig bestätigte Angabe zu BlackRock: Der Vermögensverwalter soll im Juli 2026 die Mindestgröße für einen bestimmten Umtausch von Bitcoin in ETF-Anteile von 25 Millionen auf eine Million US-Dollar gesenkt haben. Die zeitliche Nähe zu Sicherheitsvorfällen bei Coldcard belegt allerdings keinen Zusammenhang.

Für Bitcoin entsteht daraus ein Widerspruch. Eine Währung, die direkte Zahlungen ohne Banken ermöglicht, gewinnt über die klassische Finanzwelt neue Anleger. Viele von ihnen interessieren sich vor allem für die Wertentwicklung. Die Möglichkeit, Bitcoin selbst zu kontrollieren und ohne Vermittler zu übertragen, steht für sie weniger im Vordergrund.

ETFs können Bitcoin einem größeren Publikum zugänglich machen. Ihr Erfolg sagt aber wenig darüber aus, wie häufig Menschen tatsächlich mit Bitcoin bezahlen oder ihre Coins selbst verwahren. Ob sich das ursprüngliche Versprechen erfüllt, entscheidet sich deshalb auch abseits der Börse: dort, wo Menschen Bitcoin eigenständig halten und nutzen.

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