Phishing bei BitBox, Trezor und CoinTracking: Die Mail kam wirklich vom Hersteller

Echte Absenderadresse, bestandene SPF/DKIM/DMARC-Prüfung, Link auf die Domain des Herstellers – und trotzdem Phishing. Wie der Angriff über den gemeinsamen Newsletter-Anbieter Brevo lief, was die Täter wirklich wollten und was jetzt zu tun ist.

Bitcoinlighthouse

September 10, 2026 · 12 min read

Am Abend des 9. September 2026 landeten bei Tausenden Bitcoin-Nutzern Mails im Postfach, die vor einer kritischen Sicherheitslücke in ihrer Hardware-Wallet warnten. Sie kamen von BitBox, von Trezor und von CoinTracking. Die Absenderadresse stimmte. Die technische Prüfung bestand. Der Link führte auf eine Domain des Herstellers.

Und trotzdem war jede einzelne dieser Mails ein Betrugsversuch.

Der Grund liegt nicht bei den Herstellern, sondern eine Ebene darunter: Alle drei verschicken ihre Newsletter über denselben Dienstleister – Brevo, früher Sendinblue. Dort haben Angreifer offenbar unbemerkt einen neuen API-Schlüssel angelegt und über die legitimen Versandkonten der Firmen Phishing-Mails verschickt.

Kurzfassung:

Die Mails sind Phishing, egal wie echt sie aussehen. Klick keinen Link an, gib nirgends deine 12 oder 24 Wörter ein – und auch keinen xPub, keine Börsen-Zugangsdaten und keine API-Keys. Deine Hardware-Wallet ist nicht betroffen, es gibt keine STM32-Entropie-Lücke. Wer nichts eingegeben hat, muss nichts tun außer die Mail zu löschen. Wer etwas eingegeben hat, sollte sofort auf einen neu erzeugten Seed umziehen.

Was in den Mails stand#

Die Trezor-Variante trug den Betreff „Critical Security Alert: STM32 Entropy Vulnerability" und behauptete einen Fabrikfehler im verbauten STM32-Mikrocontroller: Etwa jedes vierte Gerät erzeuge Seeds mit nur 40 Bit Entropie. Als Absender stand „Trezor Security" mit der Adresse help@trezor.io.

Die BitBox-Variante hieß „Critical Security Alert: Microcontroller Entropy Bug Identified" und nannte sogar konkrete Firmware-Versionen als betroffen:

Gefälschte BitBox-Mail mit dem Betreff „Critical Security Alert: Microcontroller Entropy Bug Identified", rot als Scam markiert

Die gefälschte BitBox-Mail, hier von einem Leser als Betrug markiert. Layout, Logo und Tonfall sitzen – ganz unten der Button „Launch the entropy check tool".

Der Text ist bemerkenswert gut gemacht:

„Unfortunately, our engineering team has identified a critical hardware-level vulnerability affecting BitBox devices. […] The bug is a factory defect that results in hardware TRNG being deterministic and is not a problem with BitBox firmware, but the microcontroller itself."

Dann folgt die Aufforderung, einen „secure entropy check" durchzuführen. Und darunter – das ist der eigentliche Trick – steht dieser Satz:

„NEVER enter your recovery phrase on a website or share it with anyone, and only check for updates on official BitBox channels."

Zwei Zeilen später kommt der Button: „Launch the entropy check tool".

Warum ausgerechnet diese Warnung funktioniert:

Die Mail sagt dir genau das, was ein seriöser Hersteller sagen würde – und kauft sich damit dein Vertrauen. Wer die Warnung liest, denkt: Die wissen, wovon sie reden, das ist echt. Genau dieses Vertrauen führt dann zum Klick auf das „Prüfwerkzeug", das anschließend abfragt, wovor die Mail eben noch gewarnt hat. Ein Betrugsmerkmal war die fehlende Warnung nie – hier ist ihre Anwesenheit das Merkmal.

CoinTracking-Nutzer bekamen eine andere Variante: Deren Mails führten auf Seiten, die Börsen-Zugangsdaten abfragten. CoinTracking stellte klar, dass weder das Unternehmen noch seine Mitarbeiter jemals nach Passwörtern, Kreditkartendaten, Wallet- oder Börsen-Zugängen oder nach API-Keys mit Handels- und Auszahlungsrechten fragen.

Warum jede Prüfregel versagt hat#

Die üblichen Ratschläge zum Phishing erkennen – Absender prüfen, auf Rechtschreibfehler achten, den Link vor dem Klick anschauen – haben hier reihenweise nicht gegriffen:

  • Echte Absenderdomain – Kein trezor-security.net, kein bitbox-alert.com. Die Mails kamen von den echten Adressen der Hersteller, weil sie über deren echte Versandkonten liefen.
  • SPF, DKIM und DMARC bestanden – Die drei technischen Verfahren, die Absenderfälschung verhindern sollen, meldeten alle „gültig“ – zu Recht. Der Versand war ja legitim autorisiert.
  • Link auf Hersteller-Domain – Bei Trezor führte der Klick zunächst über r.mailing.trezor.io – die eigene Tracking-Domain des Herstellers. Wer den Link vor dem Klick geprüft hat, sah nichts Verdächtiges.
  • Glaubwürdige Geschichte – Ein kaputter Zufallsgenerator in einer Hardware-Wallet ist keine erfundene Bedrohung. Genau das ist im Juli bei der Coldcard wirklich passiert.

Der letzte Punkt ist der unangenehmste. Die Angreifer haben keine Fantasiegeschichte erfunden, sondern eine echte Schlagzeile recycelt: Ende Juli wurden bei der Coldcard-Sicherheitslücke 594 Bitcoin abgeräumt, weil der Zufallsgenerator Seeds vorhersehbar gemacht hatte. Wer diese Meldung gelesen hatte, fand eine Mail mit derselben Behauptung über ein anderes Gerät nicht abwegig, sondern plausibel. Dass BitBox im August tatsächlich ein Sicherheitsupdate veröffentlicht hat, machte die Sache nicht besser.

Was die Angreifer wirklich wollten#

Das verlinkte „Entropie-Prüfwerkzeug" war kein plumpes Formular mit der Frage nach den 24 Wörtern. Es gab sich als ernsthaftes Werkzeug aus: Es prüfte angeblich BIP-39-Prüfsummen für 12-, 18- und 24-Wort-Phrasen, validierte SLIP-39-Shares – und exportierte erweiterte öffentliche Schlüssel (xPubs).

Diese Abstufung ist Absicht. Wer misstrauisch genug ist, die Seed-Wörter nicht einzugeben, lässt sich vielleicht auf den xPub ein – der heißt schließlich „öffentlicher Schlüssel", das klingt harmlos. Ist es aber nicht:

  • Seed eingegeben – Vollzugriff. Der Angreifer kann alle Bitcoin sofort und unwiderruflich abräumen. Die Hardware-Wallet schützt hier nichts mehr – die Wörter sind die Wallet.
  • xPub herausgegeben – Kein direkter Diebstahl, aber die vollständige Landkarte: alle bisherigen und alle künftigen Adressen, jede Transaktion, dein exakter Bestand – dauerhaft und rückwirkend.

Ein xPub verrät niemandem deinen privaten Schlüssel. Er verrät aber, dass an dieser E-Mail-Adresse jemand mit einem bestimmten Bitcoin-Bestand sitzt. Zusammen mit Name und Wohnanschrift – die bei Trezor-Kunden schon 2024 über einen Einbruch beim Versanddienstleister ShipMonk abgeflossen sind, damals 80.689 Datensätze – ergibt das eine Zielliste für gezielte Erpressung oder einen Überfall. Wie sich Ketten aus Adressen und Beträgen auswerten lassen, haben wir im Artikel zum Nachverfolgen von Transaktionen beschrieben.

Was du jetzt tun solltest#

1. Mail löschen, nichts anklicken

Wenn du eine solche Mail bekommen hast und nichts eingegeben hast: Es ist nichts passiert. Lösche sie und geh zum nächsten Punkt über. Es gibt keine STM32-Entropie-Lücke bei Trezor oder BitBox – die Geschichte ist frei erfunden.

2. Wenn du deine Wörter eingegeben hast: sofort umziehen

Behandle den Seed als verbrannt. Erzeuge auf deinem Gerät einen komplett neuen Seed und bewege alles darauf – zuerst mit einer kleinen Testtransaktion, dann der Rest. Warte nicht ab, ob etwas passiert. Die Anleitung dazu steht in unserem Artikel zur Seed-Phrase-Sicherung.

3. Wenn du einen xPub herausgegeben hast: Privatsphäre wiederherstellen

Deine Bitcoin sind sicher, deine Privatsphäre ist es nicht. Der saubere Weg ist auch hier ein neuer Seed und ein Umzug – der alte xPub bleibt sonst dauerhaft eine offene Buchführung über deinen Bestand. Wenn ein Umzug wegen Gebühren oder Spekulationsfrist nicht sofort infrage kommt, nutze wenigstens ab jetzt frische Adressen aus einem anderen Konto.

4. Börsen-Zugänge prüfen, falls du auf die CoinTracking-Variante geklickt hast

Passwörter ändern, Zwei-Faktor-Authentifizierung neu einrichten, und vor allem: alle API-Keys widerrufen und neu erstellen. API-Keys mit Handels- oder Auszahlungsrechten haben auf einem Steuer-Tool ohnehin nichts verloren – lies-only reicht.

5. Die Regel für die nächsten Wochen

Es ist unklar, ob die Empfängerlisten aus den Brevo-Konten kopiert wurden. Geh davon aus, dass sie es wurden. Rechne mit Nachschlägen – per Mail, per SMS, per Anruf. Jede unaufgeforderte Nachricht zum Thema Wallet ist ab sofort feindlich, bis du das Gegenteil über einen selbst getippten Weg bestätigt hast.

👉 Selbstverwahrung prüfen 👉 Kostenloses Erstgespräch

Die einzige Regel, die noch trägt#

Absenderprüfung, DMARC, Link-Vorschau – all das sind Heuristiken, und diese Nacht hat gezeigt, dass sie gemeinsam ausfallen können. Übrig bleibt eine einzige Regel, und die ist zum Glück einfach:

Nie aus einer Nachricht heraus handeln:

Egal wie echt eine Mail aussieht: Klick nicht auf den Link darin. Tipp die Adresse des Herstellers selbst ein oder nimm dein eigenes Lesezeichen. Wenn es die Meldung wirklich gibt, findest du sie dort. Wenn nicht, hast du gerade deine Bitcoin behalten. Diese Regel kostet dich zehn Sekunden und ist gegen jede noch so gute Fälschung immun – weil sie den Kanal wechselt, statt ihn zu prüfen.

Dazu kommt eine zweite, ebenso schlichte: Deine Seed-Wörter werden niemals irgendwo eingetippt – nicht auf einer Website, nicht in ein „Prüfwerkzeug", nicht in eine App, nicht ins Support-Chat-Fenster. Der einzige Ort, an dem diese Wörter je wieder erscheinen, ist das Display deiner Hardware-Wallet bei einer Wiederherstellung. Es gibt keine Ausnahme, keinen Notfall und keine Firmware-Prüfung, die das ändert.

Was dieser Vorfall strukturell zeigt#

Die Hardware hat gehalten. Kein Gerät wurde geknackt, keine Firmware manipuliert, kein Secure Element überwunden. Angegriffen wurde etwas ganz anderes: der Newsletter-Versand.

Das ist die eigentliche Lehre. Ein Hardware-Wallet-Hersteller ist nicht nur seine Hardware – er ist auch sein Mailversender, sein Versanddienstleister, sein Shopsystem und sein Zahlungsabwickler. Jeder dieser Dienstleister hält eine Liste, auf der steht: Diese Menschen besitzen Bitcoin. Und jede dieser Listen ist ein Angriffsziel, das der Hersteller nicht selbst kontrolliert. Trezor hat das 2024 über ShipMonk erlebt, jetzt über Brevo. Das Muster wiederholt sich, weil die Struktur es vorgibt.

  • Alias-Adresse pro Anbieter – Eine eigene Wegwerf-Adresse für jeden Shop und jeden Newsletter. Taucht sie in einer Phishing-Mail auf, weißt du sofort, wo das Leck war – und kannst sie abschalten.
  • Lieferadresse trennen – Packstation, Postfach oder eine andere Zustelladresse für Hardware. Was der Versanddienstleister nie hatte, kann er auch nicht verlieren.
  • Keine Bestandsdaten teilen – xPubs, Portfolio-Screenshots, Steuer-Tool-Exporte: Jede Stelle, die deinen Bestand kennt, ist eine Stelle, an der er auffliegen kann.

Der Reflex, nach strengeren Vorschriften für E-Mail-Dienstleister zu rufen, geht am Problem vorbei. Datenberge entstehen nicht, weil jemand nachlässig war, sondern weil das Sammeln der Normalzustand ist – teils aus Bequemlichkeit, teils, weil Vorschriften es verlangen. Jede Pflicht, Kundendaten zu erheben und aufzubewahren, ist ein Datenleck mit Verzögerung. Die einzige Angriffsfläche, die zuverlässig standhält, ist die, die du nie geschaffen hast. Wie das praktisch geht, steht im Artikel zum anonymen Paketempfang und in unseren fünf Schritten für mehr Privatsphäre.

Fazit#

Niemand hier war unvorsichtig. Wer diese Mail geöffnet hat, hat sie geöffnet, weil sämtliche Prüfmerkmale stimmten – und weil die erzählte Geschichte an eine echte Meldung aus dem Juli anschloss. Das ist keine Nachlässigkeit, das ist ein gut gebauter Angriff auf die Vertrauensebene um deine Wallet herum.

Der Schutz dagegen ist keine Software und kein besseres Gerät, sondern eine Gewohnheit: nie aus einer Nachricht heraus handeln, und die Wörter nirgends eintippen. Wer das verinnerlicht hat, war gestern Abend sicher – auch ohne zu wissen, was Brevo ist.

Wenn du unsicher bist, ob du auf etwas geklickt hast, oder Begleitung beim Umzug auf einen neuen Seed brauchst: Melde dich. Wir gehen das im Erstgespräch oder in einer 1:1-Beratung in Ruhe durch – lieber einmal zu viel nachgefragt als einmal zu spät.

Häufige Fragen#

Gibt es die STM32-Entropie-Lücke wirklich?

Nein. Weder Trezor noch BitBox haben eine solche Schwachstelle gemeldet, und es gibt keinen Hinweis auf einen Fabrikfehler im Mikrocontroller. Die Behauptung ist Teil des Betrugs. Sie klingt nur deshalb glaubwürdig, weil bei der Coldcard Ende Juli tatsächlich ein Fehler im Zufallsgenerator ausgenutzt wurde – ein anderer Hersteller, eine andere Ursache, kein Zusammenhang.

Ich habe die Mail nur geöffnet, aber nichts angeklickt. Ist etwas passiert?

Nein. Eine geöffnete Mail allein richtet keinen Schaden an. Wenn Bilder geladen wurden, weiß der Versender, dass die Adresse aktiv ist – mehr nicht. Lösche die Mail und behalte im Hinterkopf, dass an dieser Adresse in nächster Zeit weitere Versuche ankommen können.

Ich habe geklickt, aber nichts eingegeben. Muss ich handeln?

In aller Regel nicht. Der Angriff funktionierte über die Eingabe auf der gefälschten Seite, nicht über den Seitenaufruf selbst. Falls du auf der Seite eine Datei heruntergeladen oder eine Wallet-Software verbunden hast, ist das etwas anderes – dann Gerät prüfen und im Zweifel auf einen neuen Seed umziehen.

Sind meine Bitcoin auf der BitBox oder dem Trezor jetzt unsicher?

Nein. Die Geräte selbst waren zu keinem Zeitpunkt betroffen. Kompromittiert wurde ein externer Newsletter-Dienstleister, über den beide Firmen ihre Mails verschicken. Nach bisherigem Stand gab es keinen Zugriff auf Wallet-Infrastruktur, Firmware oder Kundensysteme der Hersteller.

Warum hat mein E-Mail-Programm die Mail nicht als Fälschung erkannt?

Weil sie technisch keine war. Spamfilter prüfen unter anderem über SPF, DKIM und DMARC, ob ein Absender berechtigt ist, im Namen einer Domain zu versenden. Genau diese Berechtigung hatten die Angreifer – sie saßen im legitimen Versandkonto. Für den Filter sah die Mail deshalb exakt so aus wie ein echter Newsletter.

Sind meine E-Mail-Adresse und mein Name jetzt in fremder Hand?

Möglich. Ob die in den Brevo-Konten hinterlegten Empfängerlisten eingesehen oder exportiert wurden, war zum Zeitpunkt dieses Artikels noch Gegenstand der Untersuchung. Geh vorsichtshalber davon aus. Ob eine Adresse in bekannten Datenlecks auftaucht, kannst du mit Have I Been Pwned prüfen.

Was ist ein xPub und warum soll ich ihn nicht herausgeben?

Der xPub ist der erweiterte öffentliche Schlüssel deiner Wallet. Aus ihm lassen sich alle Empfangsadressen ableiten – die bisherigen und alle künftigen. Wer ihn hat, kann deinen kompletten Bestand und jede Transaktion mitlesen, rückwirkend und dauerhaft. Stehlen kann er damit nichts, aber er weiß, bei wem sich ein Angriff lohnt.

Wie kann ich in Zukunft prüfen, ob eine Sicherheitsmeldung echt ist?

Nicht in der Mail, sondern daneben. Tipp die Adresse des Herstellers selbst ein und schau auf dessen Blog oder Statusseite nach. Bei Hardware-Wallets gilt zusätzlich: Firmware-Updates kommen ausschließlich über die offizielle Anwendung des Herstellers, niemals über einen Link. Und keine echte Sicherheitsmeldung wird dich je auffordern, Seed-Wörter irgendwo einzugeben.


Quellen: Blocktrainer: Phishing-Welle gegen Bitcoin-Nutzer, Decrypt: Bitcoin Wallet Maker Trezor Says Hackers Breached Its Email Provider, The Crypto Times: Trezor Confirms Phishing Attack After Email Provider Breach, crypto.news: Trezor, BitBox warn users after phishing emails target wallet holders, CoinTracking Blog: Security Notice. Stand: 10. September 2026. Die Untersuchungen laufen noch – wir aktualisieren diesen Artikel, wenn sich das Bild ändert.


Dieser Artikel erschien zuerst auf bitcoinlighthouse.de – dort findest du auch unsere Bitcoin-Workshops in München.

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