Die Wiederkehr der alten Dame – in der Version aus Mar-a-Lago

Güllen liegt jetzt in Washington: Ein humorvoller Blick auf Donald Trumps 5.000-Dollar-Versprechen durch die Brille von Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“.

markusturm

October 12, 2026 · 2 min read

In Dürrenmatts Tragikomödie reist die unermesslich reiche Claire Zachanassian in das verarmte Städtchen Güllen und macht den Bürgern ein unwiderstehliches Angebot: Eine Milliarde für die Stadt – gekoppelt an eine einzige kleine Bedingung.

In der aktuellen US-Politik schlüpft Donald Trump in die Rolle der mazedonisch-kalifornischen Milliardärin. Sein Versprechen an das amerikanische Volk fällt ähnlich unbescheiden aus: 5.000 Dollar Cash für jeden erwachsenen US-Bürger, vorausgesetzt, die Republikaner behalten bei den Midterm-Wahlen die Kontrolle über den Kongress.

Stimmenkauf war schon immer Standard – Trump lässt nur die Zwischenhändler weg#

Politiker aller Couleur kaufen seit jeher Wählerstimmen. Normalerweise verpacken sie diese in feine rhetorische Watte: Man nennt es dann „Steuerreform“, „Baukindergeld“ oder „regionale Strukturförderung“.

Trump unterscheidet sich von klassischen Politikern nicht im Ob, sondern nur im Wie.
Klassische Politiker versprechen eine Umverteilung über Dreiecksgeschäfte: Steuererleichterungen für bestimmte Gruppen, verpackt in 400-seitige Gesetzentwürfe.
Donald Trump verzichtet auf die diplomatische Maskerade und geht direkt zum Kern des Geschäftsmodells über: Bares für Stimmen . Er erklärt unverblümt: Wenn die Demokraten gewinnen, droht die Wirtschaftskrise; wenn die Republikaner gewinnen, gibt es 5.000 Dollar direkt in die Tasche. Es ist die Reinform des politischen Tauschgeschäfts – ohne lästige bürokratische Zwischenträger.

Warum das Geld vor der Wahl verplant wird#

Der Kern von Dürrenmatts Stück liegt in der schleichenden Verführung der Güllener Bürger. Noch bevor die Bedingung der alten Dame erfüllt ist, beginnen die Einwohner, auf Kredit einzukaufen: neue Schuhe, feine Zigarren, Milch und Butter auf Pump. Sie haben die versprochene Milliarde gedanklich längst ausgegeben. Dadurch geraten sie in eine psychologische Falle: Sie müssen die Bedingung erfüllen, weil sie die Schulden sonst nicht mehr begleichen können.

Genau dieses Verhaltensmuster greift auch bei Trumps Wählerversprechen.
Die 5.000 Dollar werden gedanklich bereits für die überfällige Kreditkartenabrechnung, den Familienurlaub oder die Reparatur des Autos reserviert.

Wer die 5.000 Dollar gedanklich schon ausgegeben hat, empfindet eine Niederlage der Republikaner nicht mehr nur als politischen Wechsel, sondern als persönlichen finanziellen Verlust von 5.000 Dollar.

Die Zwickmühle: Obwohl Ökonomen und Kritiker vor den Gesamtkosten von rund 1,35 Billionen Dollar warnen und bezweifeln, wie das Vorhaben finanziert werden soll, wiegt der unmittelbare Eigeninteresse-Impuls im Wahlstand schwerer als makroökonomische Bedenken.

Dürrenmatt hat gezeigt: Moral ist eine Frage der wirtschaftlichen Umstände, und Versuchung funktioniert am besten über das Portemonnaie. Trump hat dieses literarische Gesetz zwar vermutlich nicht im Deutschunterricht gelernt, aber er wendet die Dürrenmatt’sche Logik im Wahlkampf meisterhaft an.

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