Der Stablecoin Goldrausch

Der Markt für Stablecoins ist in wenigen Jahren auf über 300 Milliarden US-Dollar explodiert. Das Feld wird von Giganten wie Tether und Circle dominiert, die den US-Dollar als unangefochtene Leitwährung im Kryptoraum zementiert haben. Mit den neuesten Vorstößen aus den Vereinigten Staaten – wie dem sogenannten GENIUS Act – würde diese Vorherrschaft weiter ausgebaut.

markusturm

July 01, 2026 · 4 min read

Europas Leitplanken auf der Bobbycar-Autobahn#

Was macht Europa eigentlich im Krypto-Markt? Wir stehen draußen in der Warnweste und bauen mit der MiCA-Verordnung hochkonzentriert Leitplanken für eine Autobahn, auf der wir sowieso nur Bobbycar fahren. Wir haben zwar quasi null Marktanteil im Stablecoin-Segment, aber hey, unsere Regeln sind weltklasse!

Wie schon bei der Künstlichen Intelligenz (KI) beweist die EU einmal mehr: Wenn es darum geht, Märkte bürokratisch zu verwalten, die wir zuvor komplett verschlafen haben, macht uns keiner so schnell etwas vor.

Das geniale Milliarden-Geschäft von Tether und Circle#

Das aktuelle Geschäftsmodell von Stablecoin-Emittenten wie Circle (USDC) und Tether (USDT) ist so simpel wie genial: Sie nehmen Nutzergelder entgegen, parken diese in verzinsten US-Staatsanleihen und behalten die üppige Rendite fast vollständig für sich.

Es ist ein hochprofitables Milliardengeschäft, das auf einer Art „Zins-Geiselnahme“ basiert. Doch was passiert, wenn die mächtigsten Finanzakteure der Welt gemeinsam beschließen, genau dieses Modell zu zerschlagen?

Open USD (OUSD): Der Angriff der Finanz-Giganten#

Mit der Ankündigung von Open USD (OUSD) ist genau dieses Szenario eingetreten. Eine beispiellose Allianz schickt sich an, die Spielregeln des digitalen Dollars neu zu definieren und den Status quo zu beenden.

Hinter „Open Standard“, der Organisation hinter OUSD, steht eine Koalition aus über 140 Partnern:

  • Zahlungsriesen wie Visa, Mastercard und Stripe.

  • Schwergewichte des traditionellen Bankenwesens wie BNY, Standard Chartered und U.S. Bank.

  • Mit BlackRock ist zudem der weltgrößte Vermögensverwalter an Bord.

Diese Allianz signalisiert wahrscheinlich das Ende der Ära, in der Stablecoins eine Nische für spezialisierte Krypto-Firmen waren. 

Das Ende der "Zins-Geiselnahme" (Yield-Sharing)#

Der disruptive Kern von OUSD liegt in seiner ökonomischen Architektur: Es gibt keine Minting- oder Redemption-Gebühren und keine Volumenlimits.

Das entscheidende Merkmal ist jedoch das Yield-Sharing. Der Großteil der Zinserträge aus den unterliegenden Staatsanleihen wird an die Partnerunternehmen (wie Visa oder Stripe) ausgeschüttet, die den Stablecoin in ihre Netzwerke integrieren. Damit schwindet für diese Netzwerke jeder ökonomische Anreiz, weiterhin auf USDC oder USDT zu setzen.

Die Finanzmärkte reagierten sofort: Unmittelbar nach der Bekanntgabe brach der Aktienkurs von Circle (CRCL) um 15 % ein. Dies ist ein unmissverständliches Signal der Investoren. Das OUSD-Modell zielt direkt auf das Herzstück des Marktes ab und setzt bisherige Marktführer wie USDC (73 Mrd. $ Marktkapitalisierung) und USDT (145 Mrd. $) massiv unter Druck.

Die 4-Billionen-Dollar-Wette und globale Konkurrenz#

Hinter diesem gigantischen Aufgebot an Konzernen steht eine klare Wachstumsprognose. Laut Citi wird der Stablecoin-Markt bis 2030 auf ein Volumen von 4 Billionen Dollar anwachsen. Der Start für OUSD ist für das Jahr 2026 auf den Netzwerken Solana, Stellar, Base und Polygon geplant.

Paxos treibt mit dem Global Dollar Network (USDG) und Partnern wie Robinhood und Kraken ein ähnliches Modell voran. In Europa formiert sich mit dem Projekt Qivalis (37 Institutionen) der Versuch, einen eigenen Euro-Stablecoin zu etablieren – was am Ende aber auch nicht mehr als eine weitere EU-typische Maßnahme mit viel Regulation, aber wenig bis null Marktanteil bleiben dürfte. 

Vom Krypto-Werkzeug zum globalen Zahlungsmittel#

Es findet eine fundamentale Verschiebung statt. Das bereinigte Zahlungsvolumen von Stablecoins im echten Handel knackte Anfang des Jahres einen historischen Höchstwert von 1,5 Billionen Dollar pro Monat.

Während Europa einen nicht existenten Markt reguliert, steigt in Lateinamerika (z.B. Argentinien, Venezuela), Afrika (Nigeria, Kenia) und Südostasien die Alltagsnutzung von US Stablecoins.
Schätzungen zeigen: Beachtliche 73 % aller weltweiten Stablecoin-Sparer leben in Schwellenländern. Bei extremem Wertverlust der Lokalwährung nutzen Menschen Token wie USDT als digitalen, "inflationssicheren" Safe. Ohne klassische Bankkonten laufen Alltagszahlungen, Gehaltsauszahlungen und Online-Shopping direkt über Smartphone-Wallets. In Lateinamerika wickeln bereits über 70 % der KMUs (kleine und mittlere Unternehmen) ihre grenzüberschreitenden Zahlungen über Stablecoins ab, da der Zugriff auf echte US-Dollar über lokale Banken zu bürokratisch oder blockiert ist.

Digitale Dollarisierung: Eine Gefahr für Europa?#

Stablecoins treiben weltweit eine Welle der „digitalen Dollarisierung“ voran. Während auf Staatenebene über De-Dollarisierung (z.B. durch BRICS-Staaten) diskutiert wird, passiert von unten herab – an der Basis der Bevölkerung – genau das Gegenteil. Während die BRICS-Regierungen auf politischer Ebene das Ziel der „Entdollarisierung“ verfolgen, flüchten die Bürger und Unternehmen in vielen dieser Länder genau in diese an den US-Dollar gekoppelten Stablecoins.

Um den Wert von 1 Dollar pro digitalem Token zu garantieren, kaufen die Herausgeber primär kurzfristige US-Staatsanleihen (T-Bills). Zusammen halten die großen Stablecoin-Emittenten mittlerweile weit über 120 Milliarden Dollar in US-Staatsanleihen. Sie gehören damit zu den weltweit größten Gläubigern der USA – noch vor einigen Nationalstaaten.

Zentralbanken wie die Europäische Zentralbank (EZB) und der Internationale Währungsfonds (IWF) treibt bereits die Angst um. Wenn Bürger weltweit digitale Dollar gegenüber ihrer Heimatwährung bevorzugen, verlieren lokale Zentralbanken die Kontrolle über ihre Geldpolitik. Das alles könnte langfristig auch dem Euro drohen, ein Wirtschaftsraum der durch Sozialismus und wirtschaftlichen Niedergang geprägt ist.

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