Jeder, der auch nur gelegentlich im Internet unterwegs ist, kennt dieses eine berühmte Meme aus Christopher Nolans Sci-Fi-Epos Interstellar: Der Astronaut Cooper landet auf einem Wasserplaneten mit derart extremer Schwerkraft, dass die Zeit dort buchstäblich verschluckt wird. Er blickt auf die Uhr und stellt mit schmerzverzerrtem Gesicht fest: „Dieses kleine Manöver wird uns 51 Jahre kosten.“
Tauschen Sie nun das fremde Sternensystem gegen das Berliner Abgeordnetenhaus und den Raumanzug gegen das fair gehandelte Cord-Sakko des Lokalpolitikers. Wenn im aktuellen Wahlkampf die Kandidaten mit leuchtenden Augen an den Infoständen stehen und stolz die Enteignung großer Immobilienkonzerne fordern, dann sitzen Volkswirte auf der ganzen Welt vor ihren Taschenrechnern, blicken auf die Uhr und murmeln exakt denselben Satz. Willkommen im schwarzen Loch der Hauptstadt-Ökonomie.
Der Heilige Gral aus Waschbeton#
Es ist die absurde Saga unserer Zeit: Die verblendeten Kreuzritter der sozialen Gerechtigkeit ziehen in den Heiligen Krieg, um die betongewordenen Festungen der Stadt aus den Klauen der feurigen Immobilien-Drachen zu befreien. „Enteignung!“ schallt es wie ein göttlicher Donnerschlag über die urbanen Schlachtfelder der Fußgängerzonen. Das Volk jubelt und schwenkt vegane Mettbrötchen. Die Vision ist so strahlend wie der Olymp selbst: Man entreißt den bösen Großkonzernen die Wohnblöcke, verteilt sie an das Volk und lebt fortan in einem paradiesischen Zustand mietfreier Glückseligkeit. Es ist eine monumentale Befreiungsfantasie, nur dass der strahlende Retter in diesem Fall ein Verwaltungsfachangestellter mit einem Fetisch für Formulare ist.
Der Fluch der dunklen Bilanzen#
Doch wie es in allen großen Epen der Fall ist, lauert in den tiefsten Katakomben der Magie ein dunkler Zauber: das bürgerliche Gesetzbuch. Die epischen Barden auf den Wahlkampfplätzen vergessen in ihren Lobliedern gerne eine winzige, geradezu banale Fußnote der Realität. Wer den Drachen köpft und seine Höhle beansprucht, der erbt nicht nur den Thronsaal, sondern auch den feuchten Keller, das undichte Dach und – hier wird es teuflisch – die massiven Schulden des Drachen.
Die Enteignungsträumer übersehen in ihrem Rausch das Trojanische Pferd der Grundbuchämter. Zieht der Staat die Ländereien ein, muss er nicht nur Marktwerte entschädigen, er kauft im schlimmsten Fall auch Kredite und Hypotheken mit, die den tatsächlichen Wert der maroden Plattenbauten um ein Vielfaches übersteigen. Die glorreiche Übernahme der Wohnungen entpuppt sich so als galaktisches Selbstmordkommando für den ohnehin schon röchelnden Staatshaushalt. Die Schatztruhe ist am Ende voll, ja – aber leider nur mit Mahnungen.
Die Zeitschleife der Milliarden-Bürgen#
Aber jetzt kommt der absolute Höhepunkt, der Moment, in dem das Raum-Zeit-Kontinuum endgültig zerreißt und die Gravitation jeden Verstand zerquetscht. Werfen wir einen Blick in die alten, verstaubten Schriftrollen. Warum genau musste man damals die Festungen eigentlich an Bannnamen Cerberus und Goldman Sachs verschleudern?
Weil die Politik den Planeten bereits einmal direkt in die Sonne gesteuert hatte! Erinnern wir uns an das Jahr 2001 und den legendären Berliner Bankenskandal. Berlins politische und wirtschaftliche Elite hatte über die Bankgesellschaft Berlin munter Casino mit dubiosen Immobilienfonds gespielt – besichert durch das Land. Als die Blase platzte, stand die Stadt faktisch vor dem Bankrott und musste mit aberwitzigen Milliardenbürgschaften einspringen. Unter dem von Klaus Wowereit ausgerufenen Mantra „Sparen, bis es quietscht“ verscherbelte ausgerechnet die rot-rote Koalition, exakt jene Fraktionen, die heute den Befreiungskrieg predigen über 66.000 Wohnungen der landeseigenen GSW für einen sprichwörtlichen Apfel, ein Ei und 405 Millionen Euro.
Spulen wir vor: Knapp zwanzig Jahre später kauft der Senat verzweifelt knapp 15.000 Wohnungen für unfassbare 2,4 Milliarden Euro zurück. Ein ökonomisches Meisterwerk! „Verkaufe billig, kaufe absurd überteuert zurück!“ Das ist kein Haushaltsplan, das ist avantgardistische Performance-Kunst, finanziert aus Steuergeldern.
Das schwarze Loch vom Roten Rathaus#
Am Ende dieses wahnwitzigen Fluges durch die Anomalien der Berliner Wirtschaftspolitik stehen wir wieder genau dort, wo wir angefangen haben – nur mit noch leereren Taschen. Die galaktische Amnesie hat voll zugeschlagen. Die Erfahrungen der DDR, in der der ehrenwerte Versuch, bezahlbaren Wohnraum für alle staatlich zu garantieren, letztlich an den knappen Ressourcen der Instandhaltung scheiterte, sind offensichtlich aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht.
Und so stehen die unermüdlichen Baumeister der nächsten Inflationsspirale wieder an ihren Wahlkampfständen, um das gleiche schwarze Loch mit einem noch astronomischeren Preisschild auszustatten. Aber hey, blicken wir dem Abgrund doch optimistisch entgegen! Am Ende sitzen wir in unserer eigenen, kryptografisch gesicherten Raumkapsel und beobachten fast schon fasziniert, wie das alte Geldsystem in sich zusammenfällt.
Wir atmen tief durch, stapeln weiter stoisch unsere Sats und stellen fest: Dieses kleine Manöver wird den Bürgern wieder einmal Abermilliarden aus den Taschen ziehen, ein finanzieller Aderlass, der sich locker über die nächsten 51 Jahre erstrecken könnte, wenn es diesmal nicht sogar noch viel schneller zu Ende geht. Wer sich mit hartem Geld abgesichert hat, sitzt zwar im trockenen Boot, aber einen Grund zum Feiern gibt es nicht: Denn es gibt keinen Siegerkranz zu gewinnen, wenn wir alle am Ende nur noch auf den Rängen eines Theaters des städtischen Verfalls sitzen.


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